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Sandra Schlipkoeter & Kolja Linowitzki

Lightshot

LIGHTSHOT

In der Ausstellung LIGHTSHOT präsentiert die Galerie Rundgænger Werke von Sandra Schlipkoeter und Kolja Linowitzki. Beide setzen sich in ihren Arbeiten sowohl mit analogen als auch digitalen Techniken auseinander. Gemeinsam ist ihnen, dass ihr künstlerisches Schaffen mit dem Smartphone beginnt und am Ende ein Unikat entsteht. Das Ausgangsmaterial, sprich das Handy, ist im abgeschlossenen Werk selbst nicht mehr sichtbar.

Sandra Schlipkoeter benutzt das Handy, um den eingeschalteten Computerbildschirm abzufotografieren. Auf dem Foto entstehen dabei Muster, die Ausgangspunkt ihrer Malerei werden. Kolja Linowitzki wiederum verwendet das Handy als Foto-Negativ, um analoges Fotopapier zu belichten. Schlipkoeter arbeitet mit Öl auf Leinwand oder mit Schere und Papier, Linowitzki mit künstlichem Licht auf Fotopapier.

Sandra Schlipkoeter

Sandra Schlipkoeter (*1979, Solingen) studierte von 2004 bis 2011 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Eberhard Havekost. Sie macht in ihren Bildern Strukturen und Muster sichtbar, die wir mit bloßem Auge nicht sehen könnten. Es handelt sich um sogenannte Interferenzen. Sie treten in Erscheinung, wenn man ein Foto von einem Computerbildschirm macht und sich dabei Lichtwellen überlagern. Diese „Interferenzfotografie“ dient Schlipkoeter als Vorlage für ihre Ölmalerei. So hat sie sich in den letzten Jahren ein ganzes Repertoire an Mustern angeeignet und setzt diese in ihren Bildern in- und übereinander. Aktuell geht es in ihrem Werk nicht um eine exakte Abbildung von Interferenzen, sondern um den spielerischen Umgang mit ihnen. Das kann man auch daran erkennen, dass sie sich nicht an das Format des Bildschirms oder des Fotos hält, sondern die Größen variiert. Einerseits soll die digitale Anmutung bewahrt bleiben, andererseits soll es zu einer freien und analogen Umsetzung dieser Interferenz-Strukturen kommen.

Ihre Bilder bewegen sich zwischen verschiedenen Hauptströmungen ungegenständlicher Malerei, die sich auf den ersten Blick auszuschließen scheinen. Schlipkoeter verbindet sowohl gestische als auch geometrische Abstraktionsweisen. Jede Linie ist individuell gesetzt und folgt keinem vorgegebenen Muster. Die Linienführung verdankt sich mehr der Intuition als einer vorher durchgeführten Berechnung. Dadurch stellen sich immer wieder überraschende Effekte ein. Trotzdem sind die Linien so klar und bewusst gezogen, dass nichts dem Zufall überlassen bleibt. Jedes Bild entsteht in einem sehr langwierigen und zeitintensiven Prozess.

Schlipkoeter bewegt sich aber auch in der Tradition der fotorealistischen Malerei. Alle Linien und Übergänge sind derart fein und konzentriert gemalt wie das Bein eines Stuhls oder die Falte im Gesicht eines Menschen, wenn es sich um ein fotorealistisches Gemälde handelt. Der Pinselduktus verschwindet im Laufe des Malvorgangs. Schlipkoeter geht es um einen möglichst klaren Farbauftrag, der die malerische Ausführung fast auslöscht und eher an eine maschinelle Ausführung denken lässt. So nähert sich Schlipkoeter der digitalen Ästhetik an, obwohl jeder Strich auf den Einsatz des Pinsels zurückgeht. Doch genau auf diese Unsicherheit beim Betrachten ihrer Bilder zielt sie ab. Und lässt sich bezüglich ihrer Ölbilder wirklich sagen, wo die digitale Bildwelt aufhört und die analoge beginnt? Denn ohne digitale Vorlagen gäbe es die Gemälde in dieser Form nicht.

Seit einiger Zeit beschäftigt sich die Künstlerin auch mit Scherenschnitten. Ihre Motive spielen ebenfalls auf die Interferenzen an, doch statt nach Pinsel und Leinwand greift sie zu Schere und Papier. Durch das Übereinanderlegen mehrerer Papierbögen deutet sie eine ähnliche Bildtiefe wie bei den Gemälden an.

Kolja Linowitzki

Schon als Jugendlicher experimentierte Kolja Linowitzki (*1986, Lübeck), der von 2008 bis 2015 an der UdK Berlin studierte, mit einer Dunkelkammer-Ausstattung. Im Laufe seines Studiums entdeckte er das Fotogramm, die Lichtmalerei und weitere Formen der experimentellen Fotografie.

Sein Projekt „Digits of Light“ („Finger/Zeichen aus Licht“) erforscht neue Spielweisen der Lichtmalerei unter gleichberechtigter Anwendung analoger und digitaler Techniken. Von einem Smartphone erzeugtes Licht generiert ein Bild, das im klassisch fotografischen Prozess entwickelt wird. Hierfür kommen verschiedene Aufbauten, bestehend aus einem modifizierten Vergrößerer, einem Smartphone und motorisiert oder mechanisch bewegten Teilen zum Einsatz. Die Steuerung des Smartphones und der motorisierten Teile erfolgt mit Hilfe eines Microcontrollers und eines Steuerpults. Jedes Bild entsteht Stück für Stück direkt auf dem Fotopapier und ist einzigartig.

Statt eines Negativs benutzt Linowitzki ein Smartphone, so wird das Display des Telefons zum digitalen Negativ selbst. „Ein Arduino-Microcontroller, ‚das Hirn vom Ganzen‘, koordiniert den Prozess von Bewegung und Belichtung. Er steuert die errechneten Belichtungswerte, die Aussendung der Lichtimpulse und kontrolliert die Rotation des Drehscheibenmotors bzw. des Fotopapiers“ (Sabine Schnakenberg). Dazu Linowitzki: „Steuert man die Farbgebung des Displays mit Skripten, eröffnet sich die Möglichkeit, mit Hilfe eines ‚digitalen Lichtpinsels‘ so ‚digitale Lichtmalerei‘ zu betreiben.“ Auf dem Fotopapier zeichnen sich analoge Spuren ab, so dass man die analoge Belichtung des Fotopapiers nachvollziehen kann. Aber diese Spuren gehen eigentlich auf das Digitale zurück und auf dem Fotopapier offenbart sich seine physikalische Seite, so dass es zu einer Materialisierung des Immateriellen kommt.

Schon den Begründern der experimentellen Fotografie wie László Moholy-Nagy ging es Anfang des 20. Jahrhunderts darum, die aktuellen Möglichkeiten der fotografischen Technik künstlerisch zu nutzen. Später wurde dieser Gedanke in Deutschland vor allem von den Vertretern der Bielefelder Schule weitergeführt. Es entstanden die Genres der generativen und konkreten Fotografie, die sich mit dem fotografischen Prozess an sich auseinandersetzten. Zeitgenössische Fotografen, die sich in dieser Tradition sehen, bedienen sich oft nur entweder der analogen oder der digitalen Fotografie.

Linowitzkis Interesse besteht darin, die Gestaltung mit Licht um die Möglichkeiten der heutigen Zeit zu erweitern ohne dabei auf den klassischen analogen fotografischen Entwicklungsprozess zu verzichten. Die so entstandenen Werke sind nicht nur zeichentheoretisch interessant, sondern zeigen auch, wie man – im Sinne einer Zweckentfremdung – moderne Technik als künstlerisches Mittel nutzen kann.

Das Digitale wie das Analoge steckt in den Bildern beider Künstler. Bei diesen Bildern weiß man nicht sogleich, was sie sind und wo sie herkommen. Gerade in dieser Unklarheit, die in der Vermischung digitaler und analoger Ästhetik liegt, besteht das Reizvolle der Werke.

Vernissage, October 19, 2018, Rundgænger, 7–9 pm